Album der Woche mit Johnny Cash: Uramerikanische Recordings (2024)

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Album der Woche mit Johnny Cash: Uramerikanische Recordings (1)

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Album der Woche:

Johnny Cash: »Songwriter«

Ein Mythos in der langen und mythenreichen Geschichte des Country-Urgesteins Johnny Cash ist, dass der Produzent Rick Rubin Cash Mitte der Neunzigerjahre aus einem Gefühl der Depression befreit habe. Das stimmt insofern, als die ab 1994 zusammen mit Rubin erstellten »American Recordings«-Alben Cash zu einem späten kreativen Höhepunkt und einem neuen, jüngeren Publikum geführt haben.

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Rubin beschrieb sein erstes Treffen mit Cash in einem Interview so: »Zu diesem Zeitpunkt war er bereits von zwei Plattenfirmen fallen gelassen worden und glaubte, er sei entsorgt worden, sodass er überrascht war, dass sich jemand für ihn interessierte. Ich glaube, er dachte, er hätte nichts zu verlieren.«

Cashs Sohn John, der nun mit wiederentdeckten Demo-Aufnahmen das posthume Album »Songwriter« kuratiert hat, widerspricht dem vehement: »Dad hat sich sicher nicht so gefühlt«, sagte er dem britischen Magazin »Mojo«. Der von Schmerzmitteln und Amphetaminen abhängige »Man in Black« habe durch eine damals gerade absolvierte Entziehungskur einen positiven Blick auf sein Leben gehabt.

Überraschend jovial und gefestigt klingen auch die elf 1993 eingesungenen Songs aus verschiedenen Jahrzehnten, die nun zum großen Teil erstmals zu hören sind. John Carter Cash produzierte sie zusammen mit Cashs altem Gitarristen Marty Stuart und Gästen wie Dan Auerbach von den Black Keys in beschwingter, aber zum Glück nie kitschiger Country-Manier. Am schönsten ist Cashs Ode an seine Ehefrau June in »I Love You Tonite«.

Darin wundert sich Cash, zu jener Zeit Anfang 60, mit leisem Lachen darüber, dass sich das Paar durch die Achtzigerjahre gerettet hätte, ein Jahrzehnt, das von Karrierekurven, Suchtrückfällen und Gesundheitskrisen gezeichnet war. »Werden wir es bis zum Millennium schaffen?«, fragt er: »Well, we might«. June Carter Cash und Johnny Cash starben 2003 im Abstand von nur wenigen Monaten.

»Songwriter« zeigt den unverbrüchlichen Humanismus des meisterlichen Americana-Erzählers Cash, seinen schlüpfrigen Humor beim Techtelmechtel im Waschsalon (»Well Alright«) ebenso wie seinen lakonischen Blick auf das Heimkehrerschicksal eines Vietnamkriegsveteranen in »Drive On«. Letzteres klingt hier sogar noch uriger als auf »American Recordings«. Der Cash-Mythos lebt. (8.0/10)

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Kurz abgehört:

Camila Cabello – »C, XOXO«

»Blondes have more fun«, wusste schon Rockveteran Rod Stewart in den Siebzigern, als er, selbst Blondine, mit dem gleichnamigen Album auf den Disco-Trend aufsprang. Pop-Superstar Camila Cabello ist neuerdings auch blond und schockierte ihre Fans mit dem nicht minder überraschenden Stilwechsel ihrer vorab veröffentlichten Single »I Luv it«: Vom niedlichen Latina-Image, das ihre Hits »Havana« oder »Señorita« (mit Shawn Mendes) prägte, ist kaum noch etwas zu sehen und zu hören, stattdessen dominiert nun auch den Rest ihres vierten Albums ein abenteuerlustiger, verruchter, an Hyperpop, Hip-Hop und EDM orientierter Sound. Sie habe viel Inspiration aus langen Autofahrten mit offenem Fenster durch ihre Wahlheimat Miami gewonnen, sagte Cabello in einem Interview. »C, XOXO« sei eine Liebeserklärung an die lateinamerikanisch geprägte Südstaatenmetropole und das, was die Menschen dort am Strand, auf der Straße und in den Klubs hören. Als Produzent ist unter anderem El Guincho beteiligt, einer der Klangarchitekten der spanischen Flamenco-Revolutionärin Rosalía. Ganz so radikal ist Cabellos musikalische Neuausrichtung nicht, aber Spaß macht sie allemal. (6.8/10)

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Mabe Fratti – »Sentir Que No Sabes«

Ein Hinweis darauf, dass die aus Guatemala stammende Avantgarde-Cellistin Mabe Fratti gerade einen eminenten Schritt Richtung Pop-Appeal macht, ist das erste Stück ihres neuen, dritten Soloalbums, »Kravitz«. Nach Lenny Kravitz klingt hier natürlich nichts, außer man stellt sich vor, dass der Funkrock-Basslauf, der dem Song zugrunde liegt, dessen erstes Bauteil war – und dann als Basisinspiration im Titel gewürdigt wurde. Ansonsten macht sich eher eine paranoide Noir-Jazz-Stimmung breit, die an Bernard Hermanns »Taxi Driver«-Score erinnert. Fratti singt dazu (auf Spanisch) von Zimmerdecken, die Ohren haben, unsichtbaren Beobachtern hinter den Wänden, die Instruktionen einflüstern. Der Albumtitel heißt übersetzt so viel wie »Das Gefühl, nichts zu wissen«, und das wiederum passt zu dem jetzt plötzlich sehr melodischen, anschmiegsamen, betörenden Pop-Entwurf Frattis, bei dem man über den Sound ihrer schrappenden Cello-Riffs am besten alles vergessen sollte, was man über stilistische Grenzen aktueller Popmusik weiß.

Frattis Musik klingt nicht wie die griffigeren Momente im Werk Arthur Russells, an den man sofort denkt, wenn es um Cello und Avantgarde geht, nicht wie die sinnlichen Soul- und Elektro-Experimente von Arca und FKA Twigs, nicht wie die moderne Latin-Radikalität von Rosalía. Aber all das ist irgendwie auch drin, genauso wie der teils schroffe, teils kunstsinnige Kammer-Jazz, den Fratti zuletzt zusammen mit Héctor Tosta unter dem Namen Titanic veröffentlichte. Egal, ob in lieblich gesungenen und gezupften Balladen wie »Pantalla azul«, Hymnen wie »Enfrente«, die am ehesten mit Talk Talk assoziierbar wären, oder geisterhaften Instrumentals wie »Kitana«: Fratti pfeift abenteuerlustig auf die Einflüsterungen aus den beengenden Wänden und Decken der Genre-Konvention – und bricht mit einem unerhörten Popalbum aus ihrer Nische aus. (8.5/10)

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Halo – »In The Company of No One«

Sich in der Gesellschaft von niemandem zu befinden, damit kennen sich die Musikerinnen Masha Qrella und Julia Kliemann gut aus, beide für sich sind singuläre Persönlichkeiten der Berliner Indiepop-Szene und haben dieses Biotop seit den frühen Nullerjahren auf dezidiert weibliche Weise geprägt: Qrella mit den Bands Mina und Contriva, jetzt mit großartigen Soloalben; Kliemann mit ihrer Indietronic-Band Komëit. 2010, so schrieb es die »taz« damals, taten sich die beiden erstmals zusammen, weil Qrellas Schlagzeuger hingeworfen hatte, und traten gemeinsam bei der damals erst zweiten Ausgabe des beliebten »Down by the River«-Festivals im Garten des Klubs ://about blank am Ostkreuz auf. Zu jener Zeit nannten sie sich noch nicht Halo, sondern Bandaranaik – nach dem Flughafen von Sri Lanka, an dem sie sich einst zum ersten Mal begegnet waren. Aber natürlich auch nach dessen Namensgeberin Sirimavo Bandaranaike, der ersten Premierministerin der Welt, noch so eine Pionierin. »Bandaranaik« heißt nun auch der letzte Song dieses charmanten Duoalbums, das die langjährige Entstehungsgeschichte des Projekts mit »All The Years« beginnt, in der Mitte von »More Years« erzählt und schließlich wieder am Ursprung landet. Auch musikalisch spielen die Songs oft in der jüngeren Popvergangenheit, irgendwo zwischen den elektronisch groovenden Melancholismen von Arab Strap und New Order. Muss man können. Aber für die coolsten Indierockstars von Berlin ist das natürlich eine lässige Fingerübung. (7.7/10)

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Wertung:Von »0« (absolutes Desaster) bis »10« (absoluter Klassiker)

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Author: Margart Wisoky

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Job: Central Developer

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